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Vor 500 Jahren - die Wildschönau kommt zu Tirol

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Standort 6311, Wildschönau
  Kirchen, Oberau
Datum 01. Juni 1504
Kategorie Bildung
URL http://www.wildschoenau.gv.at
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Beschreibung

Vor genau 500 Jahren – die Wildschönau wird tirolerisch

Von den Kämpfen des Jahres 1809 abgesehen, gibt es in der Tiroler Geschichte wohl kaum ein historisches Ereignis, das im Bewusstsein der heutigen Bevölkerung des Landes so lebendig geblieben ist wie die Belagerung und die Einnahme der Festung Kufstein durch König Maximilian I. im Jahre 1504. Bereits in der Volksschule erfährt man von der zunächst vergeblichen Beschießung der Burg, sodann vom durchschlagskräftigen Einsatz der Kanonen Purlepauß und Weckauf bis hin zur Übergabe der Burg und der Hinrichtung des Hauptmanns Hans von Pienzenau. Gegenüber diesen dramatischen Geschehnissen bleibt eine Tatsache fast im Hintergrund, die damit in engstem Zusammenhang steht: Erst seit damals gehören die drei Herrschaften Rattenberg, Kufstein und Kitzbühel zum Land Tirol, und als ein Bestandteil des Landgerichtes Rattenberg kam im Jahre 1504 auch die Wildschönau zu Tirol. Maximilian I. von Habsburg-Österreich, damals römisch-deutscher König und Landesfürst von Tirol, hatte Erbstreitigkeiten innerhalb der weit verzweigten Familie der Wittelsbacher benutzt, um für seine Parteinahme zugunsten der in München residierenden oberbayerischen Linie und gegen die Pfälzer Wittelsbacher ein „Interesse“, also eine Entschädigung, zu verlangen. Er dachte dabei an jene altbayerischen Gebiete, die sich vom Alpenvorland im Inntal in das Gebirge hinein bis zur Zillermündung erstreckten, eben die Bereiche von Kufstein, Rattenberg und Kitzbühel. Sie boten sich in mehrfacher Hinsicht als ideale Ergänzung der vom König besonders geschätzten Grafschaft Tirol an. Maximilian erhielt eine entsprechende Zusicherung von den Herzogen in München, und er beteiligte sich daraufhin mit großem finanziellen Aufwand und unter Einsatz des eigenen Lebens an Kämpfen gegen die Pfälzer Partei. Der von den Wittelsbachern eingesetzte Hauptmann über die Burg und Stadt Kufstein, Hans von Pienzenau, nahm diese Entscheidung zunächst zur Kenntnis, und er übereignete im Juni 1504 die bis dahin bayerische Stadt mitsamt der Festung dem Habsburger. Dafür erhielt der Pienzenauer seine Funktion als Kommandant bestätigt, und er leistete dem König als seinem neuen Herren einen entsprechenden Eid. Die Festung wurde daraufhin mit Geschützen und Munition aus dem Zeughaus in Innsbruck Wohl versehen, das damals als großes Waffendepot Maximilians diente und heute, baulich fast unverändert, Sitz des landeskundlichen Museums des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum ist. Als dann aber im August ein Pfälzer Heeresaufgebot vor Kufstein erschien, übergab Hans von Pienzenau Stadt und Festung dieser Partei. Ob dabei auch Geld im Spiele war oder ob die besondere Anhänglichkeit des Pienzenauers an Wittelsbach und Bayern das Motiv für diesen neuerlichen Parteiwechsel des Hauptmanns bildete, lässt sich heute nicht mehr entscheiden. Kufstein wurde - nun wieder als bayerische Bastion - abermals mit Proviant und Ausrüstung gut versorgt, böhmische Söldner im Dienste der pfälzisch-wittelsbachischen Partei verstärkten die Besatzung. In Rattenberg, dessen Kommandant angeblich auch bayerisch gesinnt war, gelang der Umsturz allerdings nicht. Diese Stadt mit ihrer Burg bildete in der nun folgenden Entwicklung eine sichere Basis für König Maximilian. Es ist verständlich, dass der Herrscher den Verlust von Kufstein nicht ohne Reaktion hinnehmen konnte. Im Verlauf des August begann man mit den Vorbereitungen zur Belagerung von Stadt und Festung. Söldner wurden angeworben, in Tirol 4.500 Fußknechte aufgeboten und wiederum Geschütze mit den dazu gehörenden steinernen und eisernen Kugeln, Munition, Leitern und anderes Material von Innsbruck in das Unterinntal geliefert. Der Inn bewährte sich damals und in der Folge als idealer Verkehrsweg, der auch den Transport schwerer Lasten verhältnismäßig rasch und mit wenig Risiko ermöglichte. Mindestens 18 große sowie viele kleinere Schiffe und Flöße standen auf dem Inn im Einsatz. Die Geschütze wurden hauptsächlich auf der nördlichen Innseite, im Bereich des heutigen Bahnhofs und westlich davon, in Stellung gebracht. Mit einer Beschießung über den Inn hinweg hatte man in Kufstein offenbar weniger gerechnet. Dementsprechend waren auf dieser Seite die Befestigungsanlagen weniger stark. Andrerseits konnten sich die Belagerer durch den dazwischen liegenden Inn vor unerwarteten Ausfällen der Verteidiger sicher fühlen. Inzwischen war Maximilian selbst vor Kufstein eingetroffen. Man richtete zunächst noch einmal die Aufforderung zur Übergabe an die Besatzung. Sie blieb ohne Reaktion. Am 5. Oktober begann die Beschießung der Festung und der Stadt, die ebenfalls mit starken Mauern versehen war. Gegen die massiven Verteidigungsanlagen der Festung vermochten die königlichen Geschütze zunächst wenig auszurichten – im Gegenteil, von oben herab setzten den Belagerern die knapp vorher aus Innsbruck dorthin verbrachten Kanonen gehörig zu. In dieser Situation könnte es zu jener Episode gekommen sein, die auch in die Geschichte eingegangen ist: Hans von Pienzenau soll mit einem Besen den Verputz von den Mauern abgekehrt haben, der durch den Beschuss etwas beschädigt worden war. Derart wirkungslos hatten sich die bis dahin eingesetzten Waffen des Königs erwiesen, dass die Majestät damit dem öffentlichen Spott preisgegeben war. Maximilian konzentrierte sich nun auf die Stadt, die am 12. Oktober nach einer mehrtägigen Kanonade gegen Gewährung von Leben und Gut der Bewohner kapitulierte. Auf der von allen Seiten belagerten Festung befand sich unter dem Befehl des weiterhin nicht zu einer Kapitulation bereiten Hans von Pienzenau nur eine Besatzung von etwa 50 Mann. Ihr stand ein Aufgebot von etwa 9.000 Mann auf königlicher Seite gegenüber. Angesichts dieses Zahlenverhältnisses erhebt sich die Frage nach den Motiven für den weiteren Widerstand des Pienzenauers. Dieser hoffte wohl auf einen militärischen Entsatzversuch der Pfälzer Partei. Außerdem wusste alle Welt, dass sich Maximilian stets in akuten Geldnöten befand, und die Söldner mit Meuterei drohten. Die starken Mauern sowie die gute Versorgung der Festung dürften ebenfalls die Widerstandsbereitschaft des Pienzenauers erhöht haben, genau so wie das Wissen um die drohende Vergeltung, die er für seinen Parteiwechsel zu erwarten hatte. Tatsächlich hatte Maximilian im Laufe der Belagerung seinen Zorn über die Haltung des ungetreuen Hauptmannes nachdrücklich zum Ausdruck gebracht. Angeblich hatte der König öffentlich verkündet, er würde jedem, der es wagen sollte, für die Rebellen um Gnade zu bitten, mit einem derartigen Schlag ins Gesicht antworten, dass diesem das Blut herunterrinne. Angesicht der relativen Wirkungslosigkeit der bisher eingesetzten Geschütze gegen die mächtigen Mauern der Festung hatte Maximilian die beiden angeblich größten „Stücke“, die es im Reich gab, aus Innsbruck angefordert. Der Purlepauß und der Weckauf, die man nun in Stellung brachte, waren in der Lage, Eisenkugeln mit einem Gewicht von über mehr als hundert kg gegen die Festung zu schießen. Der König soll selbst den ersten Schuss gezündet haben, und innerhalb von nur drei Tagen lagen die bis dahin unüberwindlichen Mauern in Trümmern. Nun zeigte sich Hans von Pienzenau zur Kapitulation bereit, doch jetzt wollte sich der König auf keinerlei Verhandlungen über irgendwelche Bedingungen mehr einlassen. Die zerschossene Festung wurde den königlichen Truppen zur Plünderung freigegeben. Vergebens versuchte die Besatzung zu fliehen. Alle glücklosen Verteidiger wurden gefangen genommen und zum Tod verurteilt. Eine derartige Entscheidung war in der damaligen Zeit nicht völlig unüblich, wenn auch nicht selbstverständlich. Offensichtlich wollte Maximilian ein abschreckendes Exempel statuieren. Insbesondere das Verhalten des Pienzenauers, dessen Eidbruch und die Ablehnung früherer Übergabeaufforderungen – vielleicht zusammen mit dem Spott, dem sich die königliche Majestät durch die Geschichte mit dem Besen ausgesetzt sah –, dürften diese auch von Zeitgenossen als äußerst streng eingeschätzte Reaktion Maximilians hervorgerufen haben. Hans von Pienzenau wurde am 17. Oktober nach Ablegung der Beichte und nachdem er aus einem Becher den „Johanniswein“ getrunken hatte, geköpft. Ein gutes Dutzend seiner Mitstreiter folgten ihm in den Tod. Der Rest der Mannschaft wurde auf Bitten des Herzogs Erich von Braunschweig begnadigt. Die Nachricht vom blutigen Strafgericht des Königs verbreitete sich sehr rasch in alle Himmelsrichtungen. Holzschnitte mit entsprechenden Darstellungen sowie Lieder über das dramatische Geschehen bewirkten eine weite und nachdrückliche Bekanntmachung. Auch Maximilian selbst sorgte dafür, dass – ganz im Sinne der von ihm systematisch betriebenen Propaganda -sein großer militärischer Erfolg auf vielerlei Art in Dichtung und Kunst für die Nachwelt festgehalten wurde. Andrerseits wurde auch Hans von Pienzenau sehr bald zum heldenhaften Märtyrer der bayerischen Sache hochstilisiert. In diesem einseitigen Sinne errichtete man nach 1900 dem unglücklichen Hauptmann sogar ein Denkmal am Ort der Hinrichtung in Morsbach zwischen Kufstein und Langkampfen. Nach der Eroberung bestimmte Maximilian einen neuen Hauptmann für die Festung Kufstein, die er alsbald stark ausbauen ließ. Der mächtige zentrale Kaiserturm erinnert heute noch an diese Initiative, die aus den Resten der mittelalterlichen bayerischen Burg eine Hauptfestung des Landes Tirol gegen Norden machen sollte. Allerdings hat die auch später immer wieder verstärkte und erweiterte Anlage in Kufstein diese Aufgabe als festes Tiroler Bollwerk weder im Jahre 1703 noch im Jahre 1809 erfüllt. Der Gewinn der drei Herrschaften Rattenberg, Kufstein und Kitzbühel brachte für Maximilian neben den strategischen Vorteilen auch eine nicht unwesentliche Steigerung seiner Einnahmen als Tiroler Landesfürst. Die neuen Untertanen hatten die allgemeine Steuer nun nicht mehr nach Bayern, sondern nach Innsbruck zu entrichten. Der König übernahm den reichen Grundbesitz, über den bisher die Herzoge von Bayern in diesem Gebiet verfügt hatten. Zudem warf die alte Zollstation in Rattenberg reiche Erträge ab. In die königliche Kammer flossen ferner die Abgaben aus dem Bergbaurevier in Rattenberg. Als noch ausgiebiger sollten sich dann die Einnahmen aus dem Bergbau in der Umgebung von Kitzbühel erweisen, der in der Folge aufzublühen begann. Die erworbenen Gebiete sind übrigens nicht identisch mit den heutigen Gerichtsbezirken Rattenberg, Kufstein und Kitzbühel oder mit den politischen Bezirken Kufstein und Kitzbühel. Das kleine Gericht Itter mit dem späteren Sitz in Hopfgarten, umfassend eine guten Teil des Brixentales mit den südlichen Seitentälern (Kelchsau, Windau und Spertental), zählte schon seit langer Zeit zum eigenständigen Hochstift Salzburg. Es blieb auch nach 1504 ein Teil des weltlichen Territoriums des Salzburger Kirchenfürsten. Diese Zusammenhänge hatten auch für die Wildschönau eine ganz wesentliche Bedeutung, denn damit bildete der Marchbach östlich von Niederau, heute die Gemeindegrenze zwischen der Wildschönau und Hopfgarten, von 1504 bis 1813/15 die „Staatsgrenze“ zwischen Tirol und Österreich auf der einen und dem Hochstift Salzburg auf der anderen Seite. Was bedeutete aber der Übergang von Bayern an Tirol für die Bevölkerung der Gerichte Rattenberg, Kufstein und Kitzbühel? Einmal bleibt festzuhalten, dass die Bewohner dieser Gebiete in die Entscheidung in keiner Weise eingebunden waren. Allein die Fürsten bestimmten die staatsrechtliche Zugehörigkeit ihrer Untertanen. Das entsprach der Gewohnheit nicht nur ferner Jahrhunderte, sondern blieb bestehen bis herauf in die jüngste Gegenwart. Zudem war für die meisten Bewohner der ehemals bayerischen und nun tirolischen Gebiete die neue staatsrechtliche Zugehörigkeit nur mit wenigen Änderungen verbunden. Zwar sollten die wehrfähigen Männer oder ihre Vertreter der neuen Obrigkeit Gehorsam geloben, doch dabei handelte es sich gewissermaßen um eine isolierte Aktion. In den zentralen Orten Rattenberg, Kufstein und Kitzbühel kamen zwar neue Männer zu Amt und Würden, auf dem Lande war davon aber wenig zu verspüren. Dort gab es damals weder eine Schule, noch eine Exekutive, noch eine andere Behörde, welche die neue Obrigkeit hätte repräsentieren können. Zollkontrollen an den Grenzen waren zu dieser Zeit noch unbekannt, und das patriotische Hissen von Landesfahnen, das Singen von nationalen Hymnen oder die Anbringung von Porträts des Staatsoberhauptes in öffentlichen Gebäuden waren erst Errungenschaften einer späteren Zeit. Eigenartig erscheint uns heute, dass sogar das Recht, nach dem man in den drei Herrschaften lebte, nicht den neuen Gegebenheiten angepasst wurde. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts lebten die neuen Tiroler Untertanen nach dem alten bayerischen und nicht nach dem Tiroler Landesrecht. Vor allem bestand angesichts der historisch erwachsenen umfassenden bayerisch-tirolischen Gemeinsamkeiten kein Anlass für die neue Obrigkeit, zentrale Gegebenheiten wie die Sprache und Bräuche der neuen Untertanen zu verändern. Auch ein weiteres Phänomen, das bis vor kurzem für die Staatlichkeit kennzeichnend war, stellte damals kein Problem dar: Nebeneinander konnten vor und nach 1504 bayerische und Tiroler Münzen im Gebiet der drei Herrschaften zirkulieren. Unverändert blieben auch die meisten altüberkommenen wirtschaftlichen Verflechtungen. So bezog man östlich des Zillers das für Mensch und Tier lebensnotwendige Salz weiterhin aus den bayerischen Salinen und nicht aus Hall in Tirol, und der Grundbesitz bayerischer Adeliger und bayerischer Klöster in diesem Bereich, wie etwa der des Klosters Seeon in der Wildschönau, blieb unangetastet. Die neue staatliche Zugehörigkeit äußerte sich vor allem in drei Bereichen: in der Steuerpflicht, im Recht der Vertretung auf dem Tiroler Landtag sowie in der Pflicht der Kriegsdienstleistung, wenn es galt, die Grenzen des Landes Tirol zu verteidigen. Es wäre höchst interessant zu erfahren, was die betroffene Bevölkerung über ihre neue staatliche Zugehörigkeit gedacht hat. Darüber liegen leider keine direkten Aussagen vor. Einen Widerstand gegen diese Entscheidung über ihre Köpfe hinweg scheint es aber nicht gegeben zu haben, und sehr bald erwiesen sich die Gebiete östlich des Zillers als völlig eingebunden in die Tiroler Geschichte. Im Jahr 1703 und zur Zeit Napoleons, als die Wittelsbacher versuchten, ganz Tirol oder zumindest Teile davon „zurück“zugewinnen, erwiesen sich die Bewohner der im Jahre 1504 „verlorenen“ Gebiete als ausgesprochen verlässliche Stützen der tirolisch-österreichischen Obrigkeit. Dies gilt in besonderem Maße für die Bewohner der Wildschönau, die sich ja damals bei der Abwehr der in das Inntal eingedrungenen Bayern ausgezeichnet haben. Welche Rolle die Wildschönauer im Jahre 1504 gespielt haben, als sie als ein Teil des Landgerichts Rattenberg die bayerische Obrigkeit der Wittelsbacher gegen die tirolische der Habsburger eintauschen mussten, entzieht sich allerdings unserem Wissen. Darüber sind bisher keine Quellen bekannt geworden. Die Bewohner des Hochtales werden wohl eher passiv im Schutz des Gebirges den Gang der Ereignisse draußen „im Land“, im Inntal, abgewartet haben und dann genau so gerne oder ungern Tiroler geworden sein, wie alle anderen anonym gebliebenen Objekte der so genannten großen Politik.

Univ.Prof.Dr. Josef Riedmann


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